Costa Rica punktet mit Fachkräften und Freizonen

Manager klagen über Bürokratie

"Hier gibt es die Techniker, die Englisch können." Das hört man nicht oft in Lateinamerika, ausländische Investoren haben es in Costa Rica aber auch mit Problemen zu tun.

Die Geschichte von Intel in Costa Rica hätte sich ein Wirtschaftsförderer ausdenken können. Mit seinen Chips aus der Fabrik nahe der Hauptstadt San José stand der Elektronikriese Ende der 90er-Jahre für 40 Prozent aller Exporte des Landes. Heute ist die Produktion nach Asien verlagert, dafür forschen und testen in Costa Rica jetzt gut 700 Intel-Ingenieure im "Research and Development Center". Zusammen mit den weit über 1.000 Mitarbeitern des "Global Services Center" erbringen sie laut Intel-Website 60 Prozent der "Research and Development Exports" Costa Ricas.

Von Costa Ricas 9 Milliarden US-Dollar (US$) Dienstleistungsexporten 2017 - das ist fast so viel wie der Warenexport - bestand beinahe die Hälfte aus "wissensintensiven Dienstleistungen", wie CINDE ausweist, die Förderagentur für Auslandsinvestitionen. Wichtigstes Ausfuhrgut ist Medizintechnik; "Textilien und Einfachprodukte sind längst out", sagt Karin Lachner von CINDE. Hinter den Exporterfolgen stecken überwiegend Fabriken von US-Firmen, während die deutsche Medizintechnikbranche bisher nicht in Erscheinung getreten ist.

Freizonen bieten Vorteile

Anreize bieten Freizonen, in denen sich die ausländischen Unternehmen üblicherweise niederlassen. Neben der Zollfreiheit gibt es dort massive Steuervorteile. Diese sind zeitlich begrenzt, lassen sich aber teilweise verlängern, wenn der Investor ein anderes Gelände (mit-)nutzt. Häufigstes Tätigkeitsfeld in den Freizonen sind "Shared Services", in denen Firmen interne Dienstleistungen zusammenfassen. Danach kommt der Bereich "Life Science", so ein Papier von ElanBiz, einer Initiative der Europäischen Union für Lateinamerika. Eine Analyse der Freizonen ("Balance de Zonas Francas") veröffentlichte die Exportförderbehörde Procomer, auf deren Webseite sich weitere gut gemachte Studien zu Branchen und Costa Ricas Exportmärkten finden.

Die üblicherweise privat und im Staatsauftrag verwalteten Freizonen sind dem Vernehmen nach qualitativ recht unterschiedlich. Die deutsche Firma Heraeus, die aus ihrem Werk mit 130 Fertigungsangestellten Medizintechnikhersteller im Ausland mit Komponenten beliefert, zeigt sich mit ihrer Freizone La Lima in Cartago bei San José sehr zufrieden. Die Verwaltung der Zone nehme viel Bürokratie ab.

Local-Content-Vorschriften gibt es nicht in den Freizonen. Die ausländischen Unternehmen dort bleiben tendenziell etwas abgekoppelt von der restlichen Wirtschaft. Heraeus kauft wertmäßig lediglich rund ein Zehntel seiner Vorprodukte von einheimischen Zulieferern. Insgesamt beschaffen ausländisch investierte Firmen laut CINDE zu 38 Prozent im Land selbst, während es vor dem Jahr 2000 noch 21 Prozent gewesen seien.

Fachkräfte als größtes

Plus CINDE weist auf die Vorteile der "Schweiz Zentralamerikas" mit ihren 5 Millionen Einwohnern hin: Keine Armee seit 1948, "120 Jahre solide Demokratie" und der Titel als eines der glücklichsten Länder. Handfester wird es für Investoren beim Bildungsniveau: Costa Rica schneidet dabei in sämtlichen Rankings zumal im lateinamerikanischen Vergleich sehr gut ab. Gemessen an der Wirtschaftsleistung gibt das Land mehr für Bildung aus als die Niederlande und mehr für Forschung und Entwicklung als das Industrieland Mexiko.

Die Verfügbarkeit von Fachkräften gilt als größter Standortvorteil Costa Ricas. "Hier gibt es die Techniker, die Englisch können", sagt Dirk Niehaus, Präsident der Deutsch-Costaricanischen Industrie- und Handelskammer. "Die Fachkräfte hier sind besser und kosten weniger als in den USA", heißt es bei einem Medizintechnik-Zulieferer. In praktisch allen Niederlassungen ausländischer Multis sitzt auf dem Chefposten nach Angaben von CINDE ein Einheimischer, ein markanter Unterschied zum benachbarten Panama.

Bayer, mit drei Standorten inklusive der Regionalzentrale in Costa Rica vertreten, hatte für 150 Stellen rund 2.000 qualifizierte Bewerber. "Probleme bei der Personalsuche oder mit der Fluktuation haben wir nicht", sagt Marcela Chacón, Head Corporate Affairs. Bayer werde sein Shared Service Center von derzeit 200 auf 500 Beschäftigte 2019 aufstocken und damit dann, neben Lateinamerika, auch die USA und Kanada abdecken. Von einer niedrigen Fluktuation berichten auch andere Manager, mit einigen Ausnahmen zum Beispiel in der Logistik.

Allerdings ist Costa Rica im regionalen Vergleich teuer. Ihre Stromkosten empfinden Manager in den Umfragen der Unternehmervereinigung UCCAEP als großes Problem. Der Betreiber eines Schlachthofs in San José zahlt seinen Arbeitern, alles grob gerechnet, monatlich 600 Euro und kommt mit Nebenkosten auf rund 900 Euro im Monat.

Alle klagen über die Bürokratie

Als ernsthaftes Problem bezeichnen die meisten Wirtschaftsvertreter und selbst CINDE die Bürokratie. Manager sprechen vom "Preis der Demokratie"; "alles dauert", hört der Besucher aus Deutschland, dem das bekannt vorkommt. So muss jede einzelne Ansiedlung einer ausländischen Firma in einer Freizone vom Präsidialamt abgezeichnet werden, sagt Erick Ulate von Procomer, und das sei nur die letzte von vielen Unterschriften.

Wegen der Verfassungsbeschwerde eines Umweltaktivisten kommt seit drei Jahren der Bau eines Grenz-Abfertigungspostens zu Nicaragua nicht in Gang, schrieb die Presse im Frühjahr 2018. Außerdem gibt es Abstimmungsprobleme zwischen Ministerien. So überprüfe das Planungsministerium (Mideplan) die Einhaltung von Vorschriften des Finanzministeriums, moniert ein Beobachter, das sei "reine Arbeitsbeschaffung".

CINDE hofft, dass die Behörden 2019 ein zentrales Portal ("Single Window") für ausländische Investoren in Betrieb nehmen. Es soll nach Angaben eines großen Investors darüber informieren, welche Papiere für eine Ansiedlung überhaupt benötigt werden. Bislang müssten die Unternehmen von einem Amt zum nächsten laufen, widersprüchliche Informationen inklusive. Druck zum Bürokratieabbau kommt vom Verbund der Industrieländer OECD, in den Costa Rica aufgenommen werden will.

Mehr öffentlich-private Partnerschaften angestrebt

Die - oft schleppend verlaufenden - Infrastrukturprojekte Costa Ricas kommen nach Ansicht von CINDE künftig besser in Gang, weil die neue Regierung deutlich mehr öffentlich-private Partnerschaften (Public-Private Partnerships, PPP) nutzen wolle. Ein neues Gesetz zu Landenteignungen könnte Verfahren vereinfachen, wobei das Hauptproblem künftig eher die leeren öffentlichen Kassen seien.

Der finanzielle Spielraum der Regierung wird zusehends enger mit einem Budgetdefizit, das die Zentralbank für 2018 und 2019 jüngst mit jeweils knapp 7 Prozent der Wirtschaftsleistung veranschlagte. Die OECD verweist auf eine niedrige Arbeitsproduktivität bei sehr langen Arbeitszeiten (rund 60 Prozent länger als in Deutschland) sowie auf schlechte Ergebnisse Costa Ricas bei der PISA-Bildungsstudie. Carlos Montenegro von der Industriekammer CICR kritisiert die - "eigentlich guten" - staatlichen Universitäten. Sie steckten zu viel Geld in die Infrastruktur und bildeten zu wenige Ingenieure aus.

Die staatlichen Schulen immerhin gelten als gut. Über ein Drittel der Studenten an den öffentlichen Universitäten stammt laut CINDE aus niedrigen Bevölkerungsschichten, was in Lateinamerika keine Selbstverständlichkeit ist. Zudem erreichte Costa Rica im "EF English Proficiency Index" das "mittlere" Level, wenn auch nur gerade so eben. Das Land liegt in dem Ranking unter 80 Staaten auf dem 35. Platz und damit in Lateinamerika an dritter Stelle hinter Argentinien und der Dominikanischen Republik.

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